Kaltplasma – ein innovativer Ansatz in der Wundheilung und Onkologie
Interview der onkoderm-Redaktion mit Professor Dr. med. Uwe Reinhold
Vorspann
Kaltplasma gilt als eine der spannendsten technologischen Entwicklungen in der modernen Dermatologie. Es verbindet physikalische Präzision mit biologischer Wirksamkeit – und eröffnet neue Perspektiven in der Behandlung chronischer Wunden sowie bei bestimmten Tumorerkrankungen.
Die onkoderm-Redaktion sprach mit Professor Dr. med. Uwe Reinhold, Bonn, über die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse, klinischen Erfahrungen und Zukunftsperspektiven dieser innovativen Therapieform.
„Ein physikalisches Werkzeug mit biologischer Wirkung“
onkoderm-Redaktion:
Herr Professor Reinhold, der Begriff Kaltplasma ist inzwischen in der Fachwelt angekommen – aber noch nicht allen Kolleginnen und Kollegen geläufig. Was genau versteht man darunter?
Prof. Reinhold:
Kaltplasma, oder genauer nicht-thermisches Plasma (NTP), ist ein teilweise ionisiertes Gas, das bei Raumtemperatur erzeugt wird. Es enthält hochaktive Komponenten – Elektronen, Ionen, reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies (ROS, RNS) sowie UV-Photonen. Im Gegensatz zu industriell eingesetztem „heißem“ Plasma ist Kaltplasma gewebekompatibelund kann daher direkt auf der Haut oder Schleimhaut angewendet werden.
Diese physikalisch-chemische Vielfalt macht es zu einem faszinierenden Werkzeug in der Medizin.
Klinisch am weitesten: Wundheilung
onkoderm-Redaktion:
Welche Einsatzgebiete sind derzeit am besten belegt?
Prof. Reinhold:
Die stärkste Evidenz haben wir derzeit in der Behandlung chronischer Wunden. Kaltplasma reduziert nachweislich die Keimlast, aktiviert die Granulation und beschleunigt die Epithelisierung. Besonders bei therapieresistenten Ulzera – etwa beim diabetischen Fuß oder venösen Ulcus cruris – sehen wir signifikante Verbesserungen. Es gibt weitere dermatologische Indikationen wie Akne, Rosacea, periorale Dermatitis, Nagelmykose etc,. wo Kaltplasma wirksam ist. Es wirkt über einen entzündungshemmenden sowie keimabtötenden Effekt.
Darüber hinaus ist auch die onkologische Anwendung ein spannendes Forschungsfeld: Erste Daten deuten darauf hin, dass Kaltplasma Tumorzellen selektiv schädigen und Apoptoseprozesse auslösen kann – bei gleichzeitig guter Schonung des gesunden Gewebes.
„Tumorzellen sind empfindlicher gegenüber oxidativem Stress“
onkoderm-Redaktion:
Wie lassen sich diese Effekte auf zellulärer Ebene erklären?
Prof. Reinhold:
In der Wundheilung stimulieren die reaktiven Plasmaspezies intrazelluläre Signalwege, die die Proliferation und Migration von Fibroblasten und Keratinozyten fördern. Gleichzeitig wird die Angiogenese durch Faktoren wie VEGF aktiviert.
In Tumorzellen wirken dieselben Mechanismen destruktiv: Aufgrund ihrer gestörten Redox-Homöostase reagieren sie empfindlicher auf oxidativen Stress. Die ROS/RNS im Plasma verursachen oxidative DNA-Schäden, Mitochondrien-Depolarisation und Apoptose. Zudem gibt es Hinweise, dass Kaltplasma die Immunogenität von Tumorzellen steigern kann – ein Ansatz, der auch für Kombinationen mit Immuntherapien interessant ist.
„Kaltplasma trifft einen biologischen Sweet Spot – genug Energie, um Tumorzellen zu schädigen, aber zu wenig, um gesundes Gewebe zu zerstören.“
– Prof. Dr. Uwe Reinhold
Zugelassene Geräte und klinische Evidenz

onkoderm-Redaktion:
Sind bereits zugelassene Systeme im klinischen Einsatz?
Prof. Reinhold:
Ja, mehrere CE-zertifizierte Medizinprodukte sind verfügbar. Alle erzeugen lokales Atmosphärendruckplasma und werden bereits in dermatologischen Kliniken und Praxen wie in unserem Zentrum DermaBonn eingesetzt. Klinische Studien zeigen eine signifikante Reduktion der Keimlast, beschleunigte Heilungsprozesse und eine gute Verträglichkeit. In der Onkologie stehen wir noch am Anfang, aber erste Pilotstudien bei kutane Metastasen und aktinischen Keratosen sind vielversprechend.
Zukunftsperspektiven in der Onkologie
onkoderm-Redaktion:
Wo sehen Sie das zukünftige Potenzial von Kaltplasma in der dermatologischen Onkologie?
Prof. Reinhold:
Ich sehe großes Potenzial vor allem in kombinierten Therapiekonzepten. Kaltplasma könnte als adjuvante Behandlungnach chirurgischer Exzision, photodynamischer Therapie oder Laser eingesetzt werden. Ebenso denkbar ist der Einsatz bei präkanzerösen Läsionen, etwa bei aktinischer Keratose, um Rezidive zu vermeiden.
Langfristig könnte Kaltplasma eine ergänzende oder alternative Therapieoption werden – gerade in Fällen, in denen klassische Verfahren limitiert oder kontraindiziert sind. Voraussetzung ist natürlich, dass Langzeit- und Sicherheitsdatendie bisherigen positiven Eindrücke bestätigen.
Herausforderungen und nächste Schritte
onkoderm-Redaktion:
Welche Hürden müssen noch überwunden werden, bevor Kaltplasma flächendeckend eingesetzt werden kann?
Prof. Reinhold:
Wir brauchen dringend standardisierte Behandlungsprotokolle – also klare Parameter zu Expositionsdauer, Energie und Frequenz. Außerdem fehlen Langzeitdaten zur Sicherheit, insbesondere zur potenziellen DNA-Schädigung.
Ein weiterer Punkt ist die ärztliche Weiterbildung: Die Technologie ist neuartig und erfordert Verständnis für physikalische Grundlagen und korrekte Anwendung. Hier leisten die dermatologischen Fachgesellschaften bereits wertvolle Arbeit.
„Kaltplasma wird sich in den nächsten Jahren als feste Säule der modernen Wund- und Tumortherapie etablieren.“
Fazit
Kaltplasma eröffnet der Dermatologie und Onkologie neue Horizonte: Von der infektionskontrollierten Wundheilung bis hin zur selektiven Tumorzellinaktivierung bietet diese Technologie ein beeindruckendes Spektrum an Möglichkeiten.
Noch steht die Forschung am Anfang, doch die bisherigen Ergebnisse lassen erahnen, dass wir hier eine neue Generation physikalisch-biologischer Therapien erleben – mit Potenzial für viele bislang schwer therapierbare Erkrankungen.
onkoderm-Redaktion:
Herr Professor Reinhold, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
Prof. Reinhold:
Ich danke Ihnen. Es freut mich, dass die Dermatologie zunehmend offen ist für solche interdisziplinären Innovationen.
Kontakt:
Prof. Dr. med. Uwe Reinhold
MVZ Dermatologisches Zentrum Bonn GmbH
Friedensplatz 16
53111 Bonn
